Montag, 16. Februar 2015

Ein kleines Wunder oder auch ein Bündel voller Glück und Hoffnung





Am 28. Januar 2015 um 9:43 Uhr kam es zu uns: Unser kleines Wunder namens   Pheline.

Nach Monaten des Wartens, der Angst, der Trauer, der Freude und der Hoffnung ist sie endlich da, meine Tochter.

Sie ist der Grund, warum ich hier so lange inaktiv war. Ich habe Samuel im Kopf behalten und im Herzen, aber alles was mit ihm direkt zu tun hatte habe ich in dieser Zeit öfter mal ausgeblendet, einfach als Selbstschutz.

Ich hatte zuviel Angst, dass das selbe noch mal passieren würde, dass auch Pheline von uns gehen würde ohne diese Welt einmal gesehen zu haben.

Besonders die letzten Wochen waren sehr schwer. Die Anmeldung zur Geburt im gleichen Krankenhaus, das Einrichten des Kinderzimmers, das Vorbereiten darauf, dass wieder ein Baby in diesem Haus sein wird, in diesem Zimmer, dass eigentlich einem anderen Kind gehört. 

Es war ein stetiges Hin und Her zwischen Angst und Freude. Jeder Besuch beim Arzt wurde zur Tortur. Vor dem ersten CTG war ich so ängstlich und nervös, dass ich mich übergeben habe als wäre ich krank. 

Beim letzten CTG vor dem geplanten Entbindungstermin kam es, das Schockerlebnis: Es konnten erst keine Herztöne gefunden werden. Große Panik stieg auf, ich dachte Nein, nein, nein. Nicht auch noch meine Tochter! Bevor ich komplett panisch wurde, kam er, der Tritt in meine Rippen. Ich habe mich nie so sehr gefreut von meinem Kind getreten zu werden. Ich wusste in dem Moment, dass alles gut gehen wird, es gut gehen muss! Das CTG war natürlich top. Und ich total durch.

Der Weg zum Krankenhaus am Morgen des 28. Januar war schwer. Mein Mann und ich waren beide - verständlicherweise - sehr angespannt.

Als wir im Krankenhaus ankamen hatte genau die Schwester Dienst, die mich damals bei Samuel betreut hat und mir bei der ersten Trauerbewältigung geholfen hat. Zufall? Wenn ja, ein sehr glücklicher.

Der Kreißsaal war der Gleiche wie bei Leonard. Das stimmte uns irgendwie ruhig und halbwegs gelassen (soweit es möglich war) und so warteten wir auf die Ärzte und darauf, dass der OP fertig gemacht wurde. 

Im OP, als alles vorbereitet wurde kam sie dann doch wieder, die Angst. Aber auch hier war das gesamte Team vorbereitet. Es wurden Scherze gemacht um mich abzulenken, ein Arzt flüsterte mir sogar ins Ohr, dass er wüsste was das letzte mal passiert sei und dass es diesmal nicht so sein wird. Dafür würden alle sorgen. Beruhigende Worte, die ich wirklich brauchte in diesem Moment.

Um 9:43 Uhr kam er dann, der erlösende Schrei. All die Anspannung, die Angst, die Sorge, alles fiel ab. Die Tränen liefen und ich war plötzlich entspannt. Und müde. Ich wollte nur noch schlafen, so müde war ich.

Ich konnte es die ersten Stunden gar nicht glauben, dass es mein Kind ist, das da in meinen Armen liegt. Mein Baby, das atmet und sich bewegt. Es kam mir vor wie in einem Traum.

Abends betreute mich eine andere Schwester, aber auch diese kannte ich noch von Samuel. Sie hatte damals die Fotos von ihm gemacht und auch sie konnte sich sofort an mich erinnern. Wieder ein Zufall? Wenn ja, auch diesmal wieder ein sehr glücklicher.

Während den folgenden Tagen im Krankenhaus hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Erinnerung an Leonard's Geburt kamen hoch und auch die traurige und schmerzhafte Zeit nach Samuel's Geburt kam immer wieder hoch. 
Nun lag ich dort, wieder in diesen Räumlichkeiten mit einem Baby. Mit all den Dingen, die ich mir im Juli 2012 so sehr gewünscht habe und so bitter darauf verzichten musste. In diesen Räumlichkeiten, wo nun zwei Kinder lebendig geboren wurden und eines tot zur Welt kam. Merkwürdig, dieses Schicksal, dieses Leben. Glück und Leid wieder so nah beieinander.


Während den ersten Tagen zu Hause konnte ich teilweise nur weinen ohne aufzuhören. Wegen den Hormonen, wegen des Glücks, wegen der Trauer.

Leonard kümmert sich so rührend und stolz um seine Schwester. Hätte Samuel das genauso gemacht? Bestimmt.

Jetzt sind wir endlich zu viert mit einem Schutzengel. Er fehlt uns trotz allem so sehr. Es wird immer eine große Lücke sein zwischen Leonard und Pheline. Ein Platz wird immer leer bleiben, ein Gesicht mit einem Lächeln auf Bildern fehlen.
Die Fragen wie er wohl aussehen würde und wie ähnlich ihm seine Geschwister sind bleiben. Sie werden wohl nie aufhören.

Die Schwangerschaft mit Pheline war (wie von vielen vorhergesagt) eine Art Therapie. Sie hat mir geholfen vieles noch mal zu durchleben und ein Teil dieser Unvollständigkeit abzuschließen. Es ist als ob ich einmal zurückreisen durfte, die Schwangerschaften von Leonard und Samuel sich vermischt haben, ich vieles anders machen konnte und es hat alles ein ganz anderes Ende genommen.

Am 28. Januar 2015 kam mein kleines Wunder, an das wir nicht mehr geglaubt hatten, in der 38. SSW per Kaiserschnitt auf diese Welt und hat alle meine Prioritäten wieder neu geordnet. Mein Leben hat einen neuen Sinn und ist nicht mehr so dunkel an einigen Tagen. 
Ich bin seitdem nicht mehr so verbittert und neidisch auf andere, die zwei Kinder haben, bin ausgeglichener und wieder offener geworden. Ja, ich erfreue mich des Lebens, so wie es ein mal war, vor langer Zeit. 

Wenn meine Pheline meinen Finger hält und im Schlaf lächelt dann ist meine Welt in Ordnung. Sie ist gut so wie sie ist, auch wenn Samuel fehlt. Sie ist wieder voller Hoffnung und Zukunftsplänen.

Ohne Samuel gäbe es keine Pheline. Ein Gedanke, der erst schmerzt, mich aber dann doch glücklich stimmt.

Ich weiß, dass er irgendwo in unserer Nähe ist und genauso stolz ist auf seine kleine Schwester wie sein großer Bruder und genauso auf sie aufpassen wird wie auf Leonard.



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